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Verkürzte Muskeln, ausgerenkte Wirbel und eingeklemmte Nerven: 3 Mythen über Rückenschmerzen, die du kennen musst

Von Marco Powersen | Rückenschmerz-Spezialist in Schleswig | McGill-Methodik | Aktive Therapie

 

Dein Physiotherapeut sagt, deine Muskeln sind verkürzt. Dein Chiropraktiker sagt, dein Wirbel ist ausgerenkt. Und dein Arzt sagt, du hast einen eingeklemmten Nerv.

Du machst brav deine Dehnübungen, gehst regelmäßig zum Einrenken und hoffst, dass der eingeklemmte Nerv sich irgendwann von allein befreit. Aber egal was du tust: Die Schmerzen kommen immer wieder. Kommt dir das bekannt vor?

Das Problem ist nicht, dass du zu wenig tust. Das Problem ist, dass diese drei weit verbreiteten Behauptungen aus physiologischer Sicht so nicht stimmen. Sie führen dazu, dass du mit Therapieansätzen behandelt wirst, die zwar kurzfristig Linderung bringen, aber niemals nachhaltig wirken können.

In diesem Artikel erkläre ich dir, was wirklich hinter diesen drei Mythen steckt, warum sie so hartnäckig sind und was du stattdessen brauchst, um deine Rückenschmerzen nachhaltig loszuwerden.

Mythos 1: Verkürzte Muskeln und Sehnen

"Meine Muskeln sind verkürzt" – diesen Satz hast du bestimmt schon einmal gehört, vielleicht sogar von deinem Physiotherapeuten oder Chiropraktiker. Aber rein physiologisch ist diese Aussage nicht korrekt.

Dein Muskel wird mit der Zeit nicht einfach kürzer. Auch deine Bänder und Sehnen verkürzen sich nicht von selbst – es sei denn, du bist mit einer solchen Veranlagung zur Welt gekommen. Ein Muskel kann sich zusammenziehen, also kontrahieren. In der kontrahierten Position ist er kürzer. Wenn er sich wieder entspannt, ist er lang gezogen. Das ist seine normale Funktion.

Was stattdessen passiert: Hypertensivität

Ein klassisches Beispiel: Du spürst Spannungsschmerzen am hinteren Oberschenkel und kommst bei einer Vorbeuge nicht mit den Fingerspitzen bis zu den Füßen. Das liegt nicht daran, dass dein Muskel physisch zu kurz geworden ist. Der Muskel ist hypertensiv. Das bedeutet, er steht unter Dauerspannung.

Hypertensiv heißt: Dein Muskel bekommt permanent vom Nervensystem das Signal, unter Spannung zu bleiben. Stell dir dein zentrales Nervensystem wie einen Dirigenten vor, der ein Orchester leitet. Deine Muskeln sind die einzelnen Instrumente. Der Dirigent gibt jedem Instrument vor, wann es was und wie zu spielen hat. Bei einem hypertensiven Muskel gibt der Dirigent dem betreffenden Instrument ständig das Signal, zu spielen – ohne Pause. Der Muskel lässt niemals richtig locker.

Dieses Ungleichgewicht im Spannungsverhältnis schränkt die Beweglichkeit in deinen Gelenken ein. Die Beweglichkeit eines Gelenks wird immer von der umgebenden Muskulatur mitbestimmt. Wenn dort unterschiedliche Spannungsverhältnisse herrschen, verlierst du deinen freien Bewegungsspielraum.

Warum Dehnen allein nicht hilft

Hier liegt der entscheidende Punkt: Es bringt nichts, einen hypertensiven Muskel einfach zu dehnen. Stattdessen musst du herausfinden, warum der Muskel unter Dauerspannung steht. Der verspannte Muskel ist nur ein Symptom – nicht die Ursache.

Vielleicht kennst du es: Du dehnst dich, gehst zur Massage oder nutzt eine Faszienrolle. Danach fühlst du dich besser, bist beweglicher und entspannter. Aber nach ein paar Stunden oder am nächsten Morgen ist alles wieder beim Alten. Du steckst in einer endlosen Spirale aus vorübergehender Linderung ohne nachhaltige Lösung.

Ein typisches Beispiel aus der Praxis

Ein häufiger Grund für hypertensive Muskeln ist, dass andere Muskeln in deinem Körper inaktiv geworden sind. Dein Körper passt sich immer an dein Bewegungsverhalten an. Bei Menschen, die viel sitzen, ist die Hüfte die meiste Zeit in gebeugter Position. Der Körper speichert diesen Modus ab.

Die Hüftbeugemuskulatur wird permanent unter Spannung gehalten, während die Hüftstreckmuskulatur – vor allem der Gesäßmuskel – ihre Arbeit einstellt. Sie wird quasi nicht mehr benötigt. In der Folge muss der hintere Oberschenkelmuskel die gesamte Hüftstreckung allein übernehmen. Er arbeitet für zwei – und das stresst ihn. Der Muskel wird hypertensiv.

Die Lösung liegt also nicht im Dehnen des hinteren Oberschenkels, sondern in der Aktivierung des Gesäßmuskels und der bewussten Nutzung der Hüftstreckung. In deinem Körper gilt das Prinzip: Was du nicht nutzt, verlierst du. Und was du überstrapazierst, rebelliert.

Dehnübungen oder Massagen können dabei unterstützend wirken, weil sie vorübergehend deine Symptome lindern. Sie werden aber niemals die Hypertensivität nachhaltig verringern. Wenn du mehr darüber erfahren willst, warum Dehnen bei Rückenschmerzen oft kontraproduktiv ist, empfehle ich dir meinen Blogartikel Dehnübungen bei Rückenschmerzen: Warum sie oft mehr schaden als helfen.

Mythos 2: Ausgerenkte Wirbel

"Dein Wirbel ist ausgerenkt und muss wieder eingerenkt werden" – auch dieser Satz ist ein Klassiker. Aber anatomisch betrachtet ist er schlicht falsch.

Wenn du dir ein Modell der Wirbelsäule anschaust, erkennst du: Die Wirbelsäule ist nicht nur durch die kleinen Wirbelgelenke, die sogenannten Facettengelenke, fixiert. Sie wird vor allem durch einen komplexen Bandapparat zusammengehalten. Zahlreiche Bänder und Muskelstränge sorgen dafür, dass jeder einzelne Wirbel stabil an seinem Platz bleibt.

Ein Wirbel kann anatomisch nicht einfach "ausrenken". Er wird immer an seiner Position bleiben – es sei denn, du hast einen sogenannten Gleitwirbel. Ein Gleitwirbel entsteht jedoch nur dann, wenn eine Stressfraktur am Facettengelenk vorliegt. Das ist eine ganz spezifische Verletzung und hat nichts mit einem alltäglichen "Verrenken" zu tun.

Was der Chiropraktiker wirklich macht

Wenn ein Chiropraktiker dich "einrenkt", renkt er in Wirklichkeit nichts ein. Was passiert, ist eine sogenannte Neuromodulation. Das Knacken und Drücken verändert den Input, den dein Nervensystem an die betreffende Stelle sendet und von dort empfängt. Dadurch verändert sich deine Schmerzwahrnehmung – du fühlst dich freier und besser.

Ähnlich funktionieren übrigens auch Dehnübungen, Massagen und Faszienrollen: Durch den mechanischen Druck oder Zug veränderst du kurzfristig die neurale Verarbeitung. Das Nervensystem wird sozusagen kurz überlagert. Der Effekt ist aber nicht nachhaltig – genau deshalb musst du immer wieder zum Chiropraktiker zurückkehren.

Was hinter dem Knacken steckt

Das Knackgeräusch, das du bei einer chiropraktischen Behandlung hörst, hat eine einfache Erklärung: In der Gelenkflüssigkeit deiner Gelenke befinden sich kleine Gasbläschen. Durch Druckveränderungen platzen diese Bläschen – und du hörst ein Knacken. Genau dasselbe passiert, wenn du deine Finger knackst. Du hast dabei nichts "eingerenkt", sondern lediglich durch Druck und Zug in den Gelenkkapseln für dieses Geräusch gesorgt.

Das Knacken bedeutet also nicht, dass etwas aus der Position war und zurückgeschoben wurde. Ein echtes Ein- und Ausrenken ist nur bei großen Gelenken wie Schulter, Hüfte, Ellbogen oder Knie möglich – nicht bei deinen Wirbelkörpern.

Mythos 3: Eingeklemmte Nerven

Der dritte große Mythos: Nerven werden "eingeklemmt". In aller Regel stimmt auch das nicht – es sei denn, du hast ein schweres traumatisches Ereignis wie einen Autounfall erlebt, bei dem durch eine massive äußere Einwirkung tatsächlich Nervenstrukturen mechanisch komprimiert wurden.

In allen anderen Fällen ist der treffendere Begriff, dass der Nerv irritiert oder gereizt ist. Bei Ischiasschmerzen zum Beispiel ist der Ischiasnerv nicht eingeklemmt, sondern gereizt. Du hast möglicherweise eine Raumforderung oder eine mechanische Einengung, die dafür sorgt, dass der Nerv nicht mehr vollständig frei gleiten kann.

Wie Nervenreizung entsteht

Stell dir folgendes Bild vor: Du hast eine Bandscheibenvorwölbung. Dein Nerv gleitet bei jeder Bewegung auf und ab und schert dabei über diese Vorwölbung. Wenn das oft genug geschieht, wird der Nerv mechanisch gereizt und beginnt zu schmerzen. Manchmal reicht dann schon eine kleine Berührung aus, um eine heftige Reaktion auszulösen. Nerven sind von Natur aus empfindlich – sie sind dafür da, Signale wahrzunehmen.

Wenn du also Nervenschmerzen, Taubheitsgefühle, Kribbeln, Brennen oder Schwierigkeiten bei der Nervensteuerung hast, ist der Nerv in irgendeiner Weise irritiert und gereizt – aber eben nicht eingeklemmt im klassischen Sinne.

Was wirklich hilft

Die Hoffnung, ein Chiropraktiker oder Physiotherapeut könne dich "einrenken", damit der Nerv wieder frei ist, ist leider unbegründet. Irritierte Nerven werden durch bestimmte Bewegungsmuster und Positionen gereizt. Erst wenn du an deinem Bewegungsverhalten arbeitest und die eigentliche Ursache für die Raumforderung – wie zum Beispiel eine Bandscheibenvorwölbung – gezielt adressierst, kann der Nerv mit der Zeit wieder frei gleiten.

Auch hier brauchst du einen anderen Lösungsansatz als passive Therapien, die deine Probleme nicht nachhaltig lösen können. Mehr darüber, warum das Gesundheitssystem bei Rückenschmerzen so oft scheitert, erfährst du in meinem Blogartikel zur Therapiepyramide.

Der entscheidende Unterschied: Passive vs. aktive Therapie

Was alle drei Mythen gemeinsam haben: Sie führen dich in die Sackgasse passiver Therapien. Du wirst gedehnt, eingerenkt, massiert – und fühlst dich danach kurz besser. Aber der Effekt hält nie an. Du befindest dich in einer endlosen Spirale aus kurzfristiger Linderung ohne echte Lösung.

Passive Therapien wie Chiropraktik, klassische Physiotherapie, Dehnübungen und Massagen können kurzfristig unterstützen. Aber sie adressieren nicht die eigentliche Ursache deiner Schmerzen. Dein Körper passt sich stets an dein Bewegungsverhalten an. Wenn du dieses Bewegungsverhalten nicht veränderst, werden sich auch deine Beschwerden nicht nachhaltig verändern.

Was du brauchst, ist eine aktive Therapie – ein Ansatz, bei dem du selbst an deinem Bewegungsverhalten arbeitest und die Ursachen deiner Beschwerden gezielt angehst. Das beginnt mit einer gründlichen Analyse deiner Symptome und deines Bewegungsverhaltens – nicht mit einem MRT-Bild und einer Standardbehandlung.

Wie Rückenschmerzen wirklich entstehen

Die meisten Menschen denken bei Rückenschmerzen an die Wirbelsäule, an kaputte Bandscheiben oder schwache Rückenmuskeln. Doch die Realität ist komplexer. Rückenschmerzen haben fast immer ihren Ursprung in deinem Bewegungsverhalten.

Du hast über Jahre hinweg bestimmte Gewohnheiten in deinen Bewegungsmustern und deiner Körperhaltung entwickelt. Im Alltag führst du immer wiederkehrende Bewegungen mit einer bestimmten Häufigkeit und Intensität aus. Das Ergebnis: Die passiven Strukturen an deiner Wirbelsäule – also Bandscheiben, Bänder und Gelenke – werden chronisch überlastet.

Stell dir vor, du biegst einen Draht immer wieder an derselben Stelle hin und her. Irgendwann gibt das Material nach. Ähnlich verhält es sich mit deiner Wirbelsäule, wenn sie immer wieder auf dieselbe Art falsch belastet wird.

Rückenschmerzen entstehen dabei auf mehreren eng miteinander verbundenen Ebenen. Neben dem Bewegungsverhalten spielen auch dein Nervensystem, dein Stoffwechsel und deine psychische Verfassung eine wichtige Rolle. Stress, Schlafmangel, Angst vor Bewegung und Entzündungsprozesse können die Schmerzempfindlichkeit deines Körpers deutlich verstärken. Deshalb braucht es einen ganzheitlichen Ansatz, der all diese Faktoren berücksichtigt.

Mein Ansatz: Ursachen finden statt Symptome behandeln

In meiner Arbeit als Rückenschmerz-Spezialist unterscheide ich klar zwischen der Diagnostik und der Therapie.

Die Bewegungsanalyse: Verstehen, was deine Schmerzen auslöst

Der erste Schritt ist die Bewegungsanalyse – eine intensive, dreistündige Sitzung, in der ich deine Symptome und dein gesamtes Bewegungsverhalten analysiere. Von Kopf bis Fuß. Ich schaue mir an, wie du stehst, gehst, dich bückst, dich drehst und wie du deine Wirbelsäule im Alltag belastest. Dabei identifiziere ich deine individuellen Schmerzauslöser – also genau die Bewegungsmuster und Haltungen, die für deine Beschwerden verantwortlich sind.

Am Ende dieser Analyse hast du Klarheit: Du weißt, warum du Schmerzen hast und was du konkret dagegen tun kannst. Mehr dazu erfährst du in meinem Artikel zur Bewegungsanalyse.

Der ganzheitliche Therapieansatz

Die Diagnostik allein reicht natürlich nicht. Auf Basis der Ergebnisse aus der Bewegungsanalyse entwickle ich mit dir einen individuellen Therapieplan. Mein ganzheitlicher Ansatz berücksichtigt nicht nur dein Bewegungsverhalten, sondern auch Faktoren wie Stressregulation, Schlaf, Ernährung und den Umgang mit Angst und Verunsicherung.

Das Ziel ist klar: Du lernst, dich rückenschonend zu bewegen, baust nachhaltige Belastbarkeit auf und gewinnst die Kontrolle über deinen Rücken zurück. Nicht mit passiven Maßnahmen, die jemand anderes an dir durchführt, sondern mit aktiver Arbeit an deinem eigenen Körper.

 

Dein nächster Schritt zur Schmerzfreiheit

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Wenn du tiefer in die Thematik eintauchen möchtest, empfehle ich dir diese weiterführenden Inhalte:

Video: Schockierende Wahrheit über verkürzte Muskeln, ausgerenkte Wirbel und eingeklemmte Nerven

Blogartikel: Dehnübungen bei Rückenschmerzen: Warum sie oft mehr schaden als helfen

Blogartikel: Die Therapiepyramide: Warum das Gesundheitssystem deine Rückenschmerzen nicht heilen kann

 

Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Aufklärung und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Die beschriebenen Erfahrungen und Beobachtungen basieren auf individuellen Fällen und können nicht auf jeden Einzelfall übertragen werden. Bei akuten oder schweren Beschwerden konsultiere bitte einen Arzt.

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